WordPress in Deutschland – Eine Community sucht nach sich selbst

Er hat eingeschlagen wie eine Bombe. Caspar schreibt kurz vor dem Camp einen Weckruf an die deutsche WordPress-Community. Mit deutlichen Worten stellt er das Konzept WordPress Deutschland in seiner bisherigen Form in Frage und tritt sich selbst und uns auf die Füße, warum wir nicht mehr tun für zukünftige Mithelfer an dem Projekt WordPress in Deutschland.

Die schizophrene Situation zugleich bei Inpsyde angestellt zu sein, welches aus WordPress Deutschland hervorgegangen ist, und trotzdem kritischer Betrachter aus der Community zu sein, bleibt nicht die einzige Schizophrenie in dem Artikel. Caspar möchte, dass wir mehr tun für die Einsteiger, möchte abgeholt, angeleitet, begleitet werden, er vermisst Einstiegspunkte und Leitfäden. Er möchte sie zugleich erstellen (und dazu WordPress Deutschland auf eine breitere Community-Basis stellen) und ebenso erstellt bekommen. Schizophren? Vielleicht. Aber in einem so komplexen Open-Source-Projekt völlig normal.

Jeder hat Fähigkeiten, die er/sie einbringen kann. Die Preisfrage ist nur, wo kann ich mich denn konkret einbringen, wenn ich möchte? Wer es mehrfach versucht und immer wieder scheitert ist am Ende frustriert, das ist klar. Ein WONTFIX in einem eingereichten Ticket ist frustrierend. Aber auch andersherum wird ein Schuh daraus. Stellt euch vor ihr seid Core-Entwickler und da kommt jemand mit einer Frage, die schon tausendmal gestellt wurde. Ich kann aus meiner Supporttätigkeit im Forum sagen, dass dies immer wieder Momente sind, wo die eigene Geduld auf eine harte Probe gestellt wird. Auch bei der x-ten Wiederholung noch freundlich zu bleiben und auf die richtigen Links/Supportseiten/Codexseiten hinzuweisen. Wir bewegen uns in einem Spannungsfeld, wo Wissen gegeben, gefordert, vorausgesetzt und vermittelt werden soll. Schon wieder schizophren, ich weiß. Aber zurück zu der Frage nach dem Wo?

Die wunderbare Hanni Ross hat dazu auf dem WordCamp Europe 2013 eine Session gehalten:

Und bereits 2012 bei der Keynote zum WordCamp Norway gesprochen:

Ist ein Forum noch zeitgemäß?

Viele Entwickler sind lieber auf WordPress Stackexchange oder in der Google+ Community unterwegs, als im Forum von WordPress Deutschland. Das Forum ist voll von veralteten, falsch beantworteten Fragen und ist häufig mehr Teil des Problems als der Lösung. Ein radikaler Schnitt wäre vielleicht gut. David Decker schlägt vor dem Beispiel der Make-Blogs zu folgen und mehr auf P2-Blogs zu setzen. Hier könnte jeder Schreiben und Mitdiskutieren. Einen Versuch dieser Art habe ich mit dem Übersetzer-Blog gemacht. Auch wenn der Name sicher schlecht gewählt ist, denn mit WPDE.org hat der Blog nichts zu tun.

Was heißt hier eigentlich „offiziell“?

Neben dem Artikel von Caspar ist gestern auch der „offizielle“ WordPress Deutschland Podcast veröffentlicht worden, der das Problem der deutschen WordPress Community exakt widerspiegelt. Birgit und Markus investieren Zeit und Technik, um einen Podcast zu machen, nennen ihn aber „offiziell“ und landen somit in einem Selbstverständnisproblem. Was ist WordPress Deutschland? Wie kann es zugleich „nur“ ein deutsches WordPress-Portal sein und sich das Label „offiziell“ geben? Offiziell für was? Der Titel lautet „1. offizieller WordPress Deutschland Podcast“ (Hervorhebung von mir) – es handelt sich nicht um „offiziell WordPress“, sondern „offiziell WordPress Deutschland“. Aber dieses Label ist nicht vorhanden. Jeder von uns könnte eine Seite bauen und dort WordPress zum Download anbieten und sich offiziell nennen. Mit all den Vor- und Nachteilen, die das bedeuten würde. Allein, es tut niemand. Wieso auch? Es gibt ja WordPress Deutschland. Aber nachdem die Übersetzung inzwischen zentral gelöst ist und es auch andere deutschsprachige Supportnetzwerke gibt ist die spannende Frage: Wozu eigentlich?

Quo vadis WordPress Deutschland?

Ich will damit nicht die großartige Leistung von WordPress Deutschland in der Vergangenheit schmälern. Aber wie mehrfach gefordert, muss sich WordPress Deutschland neu erfinden und die Frage ist: wer macht dabei mit? Caspar fordert uns ins seinem Artikel auf, darüber nachzudenken, was wir hier in Deutschland mit der Community eigentlich wollen. Wir sind eine der größten WordPress Communites weltweit und bekommen es nicht hin die einfachsten Anforderungen umzusetzen. Zwei Beispiele:

  • Mit der Nutzung der nativen gettext-library (sofern auf dem Server vorhanden) wäre ein übersetztes WordPress so schnell wie ein nicht-übersetztes und nicht etwa halb so schnell. Aber der Patch verkommt seit vier Jahren. Hier sollten 130.000 Watcher im Ticket stehen, die darauf warten, dass das gelöst wird! 😉
  • Es gibt zwar eine Sie-Version der Übersetzung, aber keine Möglichkeit dies irgendwo in den Einstellungen zu konfigurieren, so dass diese Sie-Version kein Update überlebt. Auch dazu existiert ein Ticket.

Das sind zwei sehr konkrete Beispiele, die uns ganz konkret betreffen und viel mehr Aufmerksamkeit bekommen müssten, weil sie uns enorm helfen würden – als internationale, nicht-englischsprachige Community. Könnte WordPress Deutschland vielleicht eine Lobby werden, die unsere Interessen in der internationalen Community vertritt und das Fixen solcher Tickets vorantreibt? Oder wollen wir lieber ein Magazin, wo wir uns alle mal gemeinsam vorstellen um uns besser kennenzulernen. Vielleicht mit BuddyPress umgesetzt? Oder ein technisches Release-Blog, der gar nichts anderes machen soll? – Hier will und kann nicht eine Gruppe von wenigen entscheiden, sondern da sind wir als Community gefragt. Nur ist dieses „Wir“ eben so schwierig zu greifen. Ich denke, dass Caspar deshalb so lautstark nach der Community ruft. Lasst uns antworten.

Denn schizophrenerweise (da ist es wieder) ist der vermeintliche Abgesang auf die Community genau das, was ihre besten Seiten hervorbringt. Blogartikel, die sich gegenseitig antworten, Übersichtsbereiche am Ende des Artikels, wer schon dazu geschrieben hat, weil Pingback und Trackback nicht mehr ausreichen. Kommunikation und Gestaltungswille. Ideen und Gedanken. – Wenn das das Endergebnis ist, dann sollten wir öfter mal solche „Wachrüttler“-Artikel von Caspar geschrieben bekommen.

Es geht nur mit Transparenz!

Zwei Punkte sind mir für die Zukunft aber wichtig und deshalb möchte ich sie uns allen nochmal ins Gedächtnis rufen: Jede Entscheidung hat ihre zwei Seiten. In den meisten Fällen hat man das Für und Wider abgewogen und sich dann entschieden. Aber erst, wenn dieses Für und Wider nachvollziehbar und transparent zu recherchieren ist, können wir auch auf Verständnis hoffen. Wissenschaftliche Redlichkeit sollte unser Vorbild sein. Ja, die Diskussionen sind anstrengend, aber dann haben wir alle mit im Boot und tragen die Entscheidung gemeinsam. Und bevor ich noch pathetischer werde, hier finden sich die bisherigen Beiträge zum Thema:

Übersicht (tbc)
Der Artikel mit dem alles anfing, von Caspar Hübinger.
Monika Thon-Souns prompte Antwort.
David Decker bereichert die Diskussion mit vielen guten Ideen und Gedanken.
Auch der Chefblogger, aka Eric-Oliver Mächler, steigt mit ein.
Heiko Mamerow hält es wie Sergej Müller und empfiehlt die Erwartungen zu senken, um nicht enttäuscht zu werden.
Michael Öser schaut sich das Ganze interessiert an.
Und auch auf Google+ kamen in den Kommentaren ein paar spannende Reaktionen.
Stefan Kremer, vom Meetup Franken, kleidet seine Einschätzung in sehr … ähh… bildreiche Beschreibungen. 😉

Ich denke, wir werden auf dem WordCamp in Hamburg noch viel darüber diskutieren. Dazu könnte eine Spontansession genutzt werden oder wir nutzen die Doppelstunde des Meta-Meetup dafür (wenn alle damit einverstanden sind). Wir werden einen Weg finden. Und ich bin Caspar sehr dankbar für seinen mutigen Artikel und hoffe, dass er und wir daraus viel machen und bewegen.

4 Antworten auf WordPress in Deutschland – Eine Community sucht nach sich selbst

  1. Pingback: Liebe WordPress-Community in Deutschland! | GlückPress

  2. Sorry, sehr späte Rückmeldung, weil immer noch viel zu lesen. Interessante Beispiele! Das eine Ticket habe ich gleich mal „gewatched“. 😉

    Der Ausblick auf die Internationalisierungsziele für 4.0 spricht ja dafür, dass die Core-Leute sich das Thema Sprachen in naher Zukunft gründlich vorknöpfen werden. Wenn wir, mehr oder weniger im selben Aufwasch, die Meta-Strukturen so verbessern können, dass Anwender/innen sich zumindest bewusster werden, was Freie Software ausmacht, und Engagierte leichte Einstiegsmöglichkeiten in die Mitarbeit finden, wäre schon viel gewonnen. Das WordCamp spielt für die Verständigung dazu imo eine Schlüsselrolle.

    P.S.: Der Titel des erwähnten Podcast wurde mittlerweile übrigens korrigiert.

    • Ja, ich denke auch, dass die 4.0er da viel bewegen wird, aber die Schlüsselrolle offizelle, international offenes WordCamp ist in meinen Augen noch viel wichtiger. Ich habe Yoav das Ticket per Skype geschickt und er kannte es noch nicht. Genau über solche Verbindungen kann man direkt Aufmerksamkeit auf uns wichtige Tickets lenken und die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass sie gefixt werden. Und diese Verbindungen wären nicht vorhanden, wenn wir nicht das Camp in dieser Art veranstalten würden.

      Die Korrektur des Titels habe ich natürlich auch gesehen. Und ich finde Birgit hat da klug und richtig reagiert. Auch mit dem zweiten Beitrag danach. Für mich war das auch eher ein Beispiel für das vielfach angesprochene Problem der Konstellation Community< ->Firma. Und zwar Problem für alle Seiten.

      Ich sehr gespannt, was dazu auf dem Camp noch alles passieren wird.

  3. Pingback: WordCamp 2014 in Hamburg | MarcTV

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